Bookcrossing - Literatur auf Reisen

„Draußen vor der Kirche kann man es nicht aussetzen, sonst wird es noch nass!“, sorgt sich Andrea Strelow. Nach kurzer Suche findet die 48-Jährige im Vorraum der Apostelkirche einen geeigneten Platz. Inmitten von Prospekten legt sie John Grishams Buch „Der Regenmacher“ ab. „Jetzt muss man nur noch heimlich und schnell verschwinden“, beschreibt die Sekretärin die typische Vorgehensweise beim so genannten „Bookcrossing“.

Andrea Strelow hat alle 19 von ihr ausgesetzten Bücher mit einem Aufkleber versehen, der auf die Homepage bookcrossing.com verweist. Dort kann der Finder dann die Bookcrossing-Identitäts-Nummer (BCID) des Buches eingeben. So erfährt er den Namen des Vorbesitzers und kann einen Kommentar zu dem Buch abgeben. „Bisher hat sich leider nur der Finder von Doris Lessings ‚Die Terroristin’ gemeldet“, bedauert sie. Weltweit werden 20 Prozent der ausgesetzten Bücher als gefunden gemeldet. Ein kleiner Prozentsatz werde vermutlich auch einfach weggeworfen, so die „Bookcrosserin“.

Bookcrossing

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Über dieses Verhalten können echte Büchernarren nur den Kopf schütteln. Schließlich möchten sie mit Literatur „anderen eine Freude machen“, so Strelow. Die Bücherfreundin setzt keine Trivialliteratur aus. Vielmehr nimmt sie Bücher, die sie für besonders wertvoll hält. Viele „ausgewilderte“ Bücher lägen ihr sehr am Herzen, und somit falle ihr die Trennung oft nicht leicht. Auch der Spaß beim Aussetzen der Bücher sei ein nicht unerheblicher Anreiz, weitere Bücher „zu befreien“.

Die Gütersloherin hat schon Bücher in der Kökerstraße, in der Weberei und vor dem Café Moccahaus ausgesetzt. Zudem hat sie „Official Bookcrossing Zones“ (OBCZ) in Bielefeld („Neue Börse“, Jöllenbecker Str. 32) und Wien besucht. Dort gibt es, wie seit kurzem auch in Gütersloh, Regale, in denen die Bücher für alle zugänglich abgelegt werden.

Das Hobby ist auf der ganzen Welt verbreitet. Die Gemeinschaft zählt 500 000 Mitglieder, in Deutschland sind es mehr als 30 000. Fünf Gütersloher widmen sich dem „Bookcrossing“. Die Zahl der Teilnehmer wächst rapide. Die Mitgliedschaft ist kostenlos. Und die Bücherwürmer sind nicht untätig, neue Spielarten des Bücherverteilens zu erfinden. So gibt es „Book-Rings“ oder auch „Book-Rays“: Die Büchernarren versenden in diesen Lesezirkeln einen Schmöker von einem Interessenten zum nächsten. Aber auch ein Bett zum Schlafen („Homecrossing&ldquo bieten die Bücherfreunde einander an.

Die Homepage ging am 17. April 2001 online. Der amerikanische Informatiker Ron Hornbaker ist ihr Gründer und Programmierer. Inspiriert wurde er von Seiten, die Kameras oder Geldscheine verfolgen. Der Betrieb der Server wird durch Spenden und einen Online-Shop finanziert.

Hinweis: Dieser Artikel ist bereits in der Lokalzeitung „Die Glocke“ veröffentlicht worden.

http://www.mt-journal.net/?p=51  

5.5.07 13:30

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